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aviso 4 | 2017
GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN
WERKSTATT
überreiche, menschenleere Brasilien wurde mit
der Unabhängigkeit von Portugal 1822-1825 und
der Erhebung zumKaiserreich ein Land offen für
neue Siedler. Wer den letzten Teil von Edgar Reitz’
Filmserie »Heimat« gesehen hat, den Aufbruch der
bitterarmen Hunsrück-Bauern in das klimatisch
gemäßigte Südbrasilien, der hat die andere Seite
der Medaille vorgeführt bekommen, die künftige
Kolonisation von »Brasilien, ein(em) Land der
Zukunft«, wie das Buch des Exilanten Stefan Zweig
von 1936/1941 heißt.
Spix’ Affentypen: Neuentdeckungen im
Reich der Natur
Doch vomAusblick auf die Weltgeschichte zurück
zur Natur. Spix hat von seiner Expedition eine Reihe
von Affenfellen mitgebracht, die mehr oder weni-
ger gut präpariert mit einem knappen Halbhun-
dert die Regale der Zoologischen Staatssammlung
München (ZSM) bevölkern. Männlein, Weiblein,
Kinder, Mütter mit Kind: ein kleiner Affenzoo der
Genera der Cebidae und der Callithrichidae. In der
Geschichte der Taxonomie, der Wissenschaft von
der Klassifizierung, sind diese Präparate von einer
Bedeutung, die der unbedarfte Laie nicht vermutet,
sind sie doch vielfach die Typusexemplare, nach
denen die allererste Beschreibung vorgenommen
wurde. Von den 34 hier beschriebenen Primaten-
arten waren zu Spix’ Zeiten neun völlig neu, 22
schon anderwärts beschrieben. Heute, nach vie-
len taxonomischen Umordnungen und Umbenen-
nungen, die in den verschiedenen Belegzetteln der
ausgestopftenWesen dokumentiert sind, schreibt
man Spix wieder 16 neue Arten zu.
Ein neuer Blick auf Spix’ Affen:
das Auge der Künstler
Diese Affen des Ritter von Spix beanspruchen nicht
nur das Interesse der Taxonomen, sondern auch
von bildenden Künstlern. Seit 2008 trifft sich eine
Gruppe von Zeichnern regelmäßig in der ZSM, um
anhand der Präparate Tierbilder nach den Regeln
wissenschaftlicher Illustration zu zeichnen, doch
zugleich mit der Absicht künstlerischer Gestaltung.
Diese Zeichner hatten zunächst an der Akade-
mie der Bildenden Künste unter der Zeichen- und
Medaillenkünstlerin Barbara Ruppel zusammen-
gefunden. Frau Ruppel unterrichtete dort wissen-
schaftliches Zeichnen. Nach demAusscheiden Frau
Ruppels aus der Akademie wechselte die Gruppe
in die ZSM und hat dort eine schöne Heimstatt
gefunden, die sich in Ausstellungen dort, imBota
nischen Garten in Nymphenburg und anderswo
manifestiert hat. Vor einiger Zeit gerieten die Spix-
Affen ins Visier. Die Zeichner waren von diesen
Präparaten fasziniert: Während man solche zuvor als Vor-
lagen für die Darstellung von lebenden Wesen benutzte, als
Gedächtniskrücken, wenn man so will, ging man in die-
sem Fall einen anderen Weg. Die Künstler dokumentierten
jetzt vielmehr die Präparate als solche, als Kunstprodukte in
ihrenMängeln, ja in ihrer Falschheit. Man bedenke: Als man
sich vor zweihundert Jahren nach Ankunft der Expeditions-
güter, hier: der Felle und Knochen, an die Wiederherstellung
des »Naturzustandes« machte, hatte man oft mehr Fantasie
als Kenntnis, und so kam manches Fantasieprodukt dabei
heraus: Eine zähnefletschende, halb aufgerichtete, ihr Kind
schützende Mutter, ein Muttertier, das sein Kind vor sich
auf dem Bauch trägt, wo doch die lebenden Tierkinder eher
auf dem Rücken der Mama transportiert werden, ein wohl
als männlich zu verstehendes Wesen, das hoch aufgerichtet
droht wie ein mächtiger Grizzly in den Romanen Karl Mays.
Vom Baum in den Sammlungsschrank: der Weg
der Affen in die Wissenschaftlichkeit
Wie konnten solche nicht artgerechten Darstellungen und
Rekonstruktionen in einem kontrolliert wissenschaftli-
chen Verfahren zustande kommen? Wie verlief der Weg der
Affen vom lärmigen, grünen Amazonasdschungel nachMün-
chen, vom Schuss vom Baum herunter in den todesstillen
Sammlungsschrank? Dank der Reisebriefe und der Nach-