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aviso 4 | 2017
GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN
WERKSTATT
ZU DEN HERAUSRAGENDEN
Schätzen der wissenschaft-
lichen Sammlungen und Museen des Freistaats Bayern
gehören die handfesten Ergebnisse der Expedition von Johann
Baptist Spix (1781-1826) und Carl Philipp FriedrichMartius
(1794-1868): Wirbeltiere und Insekten, Vögel und Fische,
wobei damals mehr als 60 Tiere lebend inMünchen ankamen,
dazu getrocknete Pflanzen, Samen und konservierte Früchte,
Mineralien, indianische Waffen, Geräte und Kopfschmuck,
Bücher und Münzen, abertausende von Objekten. Sie sind
heute auf verschiedene staatliche Sammlungen verteilt. Der
Biologe Spix und der Botaniker Martius waren zwischen 1817
und 1820 durch das weitgehend unerschlossene Brasilien ge-
reist, von São Paulo als südlichster Gegend bis zumÄquator
mit dem Amazonas, den die beiden Wissenschaftler teils ge-
trennt, teils gemeinsam über ein dreiviertel Jahr bis an die
Grenze zum spanischen Südamerika befuhren. Nach ihrer
Rückkehr in die Heimat imDezember 1820 war nichts mehr
wie zuvor. Der bayerische König Max I. Joseph erhob sie in
den persönlichen Adelsstand. Die Bayerische Akademie der
Text:
Markus Wesche
oben
Die Affenhorde aufgestellt auf einem Tisch in der ZSM. Sie sind die Vorlagen für die Zeichnungen von Anja Bolata, Dr. Thassilo Franke,
Rudolf Gerer, Michael Jicha, Marco Calogera, Ruth Moch, Dr. Taciana Ottowitz, Barbara Ruppel.
Wissenschaften, verantwortlich für die Vorbereitung der Ex-
pedition, erhob den 26-jährigen untergeordneten »Adjunk-
ten«Martius zum ordentlichenMitglied. Die Akademie, die
die wissenschaftlichen Sammlungen Bayerns in der Alten
Akademie neben St. Michael inMünchen verwaltete, wusste
kaumwohin mit dem unermesslichen Expeditionsgut: Zim-
mer mussten geräumt werden, Kollegen in unkomfortable
Enge zusammenrücken. Schon erblühte der Kollegenneid.
Doch am Ende stand ein zuvor ungeahnter Erkenntnisge-
winn für Natur- und Kulturgeschichte Brasiliens. Nach der
Reise widmeten sich Spix und Martius hingebungsvoll der
wissenschaftlichen Auswertung: Als Landeskunde kam ein
gewaltiger dreibändiger Reisebericht von geradezu litera-
rischem Rang zustande, erst 1831 abgeschlossen. Aufwän-
dige Publikationen zur Tier- und Pflanzenwelt entstanden
parallel; Beiträge zur Ethnographie der Urbevölkerung, zur
Sprache und Musik der Indios folgten. Das Bild von Brasi-
lien war danach ein vollkommen anderes. Spix und Martius
waren gewissermaßen die »Humboldts« Brasiliens. Und das
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