Table of Contents Table of Contents
Previous Page  37 / 52 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 37 / 52 Next Page
Page Background

|37 |

aviso 4 | 2017

GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN

WERKSTATT

ZU DEN HERAUSRAGENDEN

Schätzen der wissenschaft-

lichen Sammlungen und Museen des Freistaats Bayern

gehören die handfesten Ergebnisse der Expedition von Johann

Baptist Spix (1781-1826) und Carl Philipp FriedrichMartius

(1794-1868): Wirbeltiere und Insekten, Vögel und Fische,

wobei damals mehr als 60 Tiere lebend inMünchen ankamen,

dazu getrocknete Pflanzen, Samen und konservierte Früchte,

Mineralien, indianische Waffen, Geräte und Kopfschmuck,

Bücher und Münzen, abertausende von Objekten. Sie sind

heute auf verschiedene staatliche Sammlungen verteilt. Der

Biologe Spix und der Botaniker Martius waren zwischen 1817

und 1820 durch das weitgehend unerschlossene Brasilien ge-

reist, von São Paulo als südlichster Gegend bis zumÄquator

mit dem Amazonas, den die beiden Wissenschaftler teils ge-

trennt, teils gemeinsam über ein dreiviertel Jahr bis an die

Grenze zum spanischen Südamerika befuhren. Nach ihrer

Rückkehr in die Heimat imDezember 1820 war nichts mehr

wie zuvor. Der bayerische König Max I. Joseph erhob sie in

den persönlichen Adelsstand. Die Bayerische Akademie der

Text:

Markus Wesche

oben

Die Affenhorde aufgestellt auf einem Tisch in der ZSM. Sie sind die Vorlagen für die Zeichnungen von Anja Bolata, Dr. Thassilo Franke,

Rudolf Gerer, Michael Jicha, Marco Calogera, Ruth Moch, Dr. Taciana Ottowitz, Barbara Ruppel.

Wissenschaften, verantwortlich für die Vorbereitung der Ex-

pedition, erhob den 26-jährigen untergeordneten »Adjunk-

ten«Martius zum ordentlichenMitglied. Die Akademie, die

die wissenschaftlichen Sammlungen Bayerns in der Alten

Akademie neben St. Michael inMünchen verwaltete, wusste

kaumwohin mit dem unermesslichen Expeditionsgut: Zim-

mer mussten geräumt werden, Kollegen in unkomfortable

Enge zusammenrücken. Schon erblühte der Kollegenneid.

Doch am Ende stand ein zuvor ungeahnter Erkenntnisge-

winn für Natur- und Kulturgeschichte Brasiliens. Nach der

Reise widmeten sich Spix und Martius hingebungsvoll der

wissenschaftlichen Auswertung: Als Landeskunde kam ein

gewaltiger dreibändiger Reisebericht von geradezu litera-

rischem Rang zustande, erst 1831 abgeschlossen. Aufwän-

dige Publikationen zur Tier- und Pflanzenwelt entstanden

parallel; Beiträge zur Ethnographie der Urbevölkerung, zur

Sprache und Musik der Indios folgten. Das Bild von Brasi-

lien war danach ein vollkommen anderes. Spix und Martius

waren gewissermaßen die »Humboldts« Brasiliens. Und das

© ZSM