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aviso 4 | 2017
GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN
AVISO EINKEHR
Text:
Sybille Krafft
OSKAR MARIA GRAF
wählte für seine Erzählung »Die Fir-
mung« als Schauplatz denWolfratshauser Humplbräu. Dort
war der Berger Bäckerbub mit seinem Paten, »einem unge
mein kniggerischen Geizhals«, nach einem langen Fußmarsch
erschöpft eingekehrt, während seine Freunde mit »gewichs-
ten Bauernchaisen« bequem zumWirtshaus fuhren: »In der
Humplbräustube ist es schon hoch hergegangen. Vollbesetzt
sind die meisten Tische gewesen, überall hockten die lustigen
Paten mit meinen Schulkameraden vor hochgehäuftenWeiß-
wursttellern, und jedes Mannsbild, jeder Bub hat gebampft,
daß grad der Saft so herumgespritzt ist. Mir ist gleich das
Wasser im Maul zusammengelaufen, und ich freute mich
schon auf den schönen Schmaus.« Doch daraus ist nichts
geworden, weil der nodige Herr Pate sich recht lumpen ließ
und nur ein »windiges Paar Weißwürste« bestellte.
Eine wahre Sünde wäre es heutzutage, im Humplbräu nur
Weißwürste zu essen, auch wenn sie hier ausgesprochen
schmackhaft sind. Das traditionsreiche Wirtshaus hat näm-
lich viele andere bayerische Schmankerl zu bieten: vom zarten
Rindsbackerl und feinemBöfflamott bis zum sauren Pressack
und zur hausgemachten Milz-, Blut- oder Leberwurst. Der
Küchenchef schwört dabei auf seinen 100-jährigen Ofen, in
dem Enten- und Schweinsbraten besonders gut brutzeln.
Soll’s mal nichts Fleischiges sein, sind Forellen und Saib-
linge aus dem hauseigenen Fischwasser zu empfehlen. Dort
können sie noch in großen Weihern schwimmen und sind
nicht im Wasser eingepfercht wie Sardinen in einer Büchse.
Wer will, kann imHumplbräu auch vegetarisch essen: Allein
der Kartoffel-Endiviensalat ist ein Gedicht, das wohl auch
demBerger Dichter geschmeckt hätte. Wenn aber einmal im
Monat Kalbsköpf und Kälberfüß auf der Speisekarte stehen,
vergessen eingefleischte Liebhaber alle veganen Vorsätze und
pilgern selbst von weither zu dieser ältesten Gaststätte amOrt.
WIE SICH’S GEHÖRT
, steht in Wolfratshausen das Wirts-
haus gleich neben der Kirche. Ihr verdankt es seine erste
urkundliche Erwähnung, wenn auch der Anlass tragisch war:
1619 brannte die Pfarrkirche St. Andreas mit dem Nachbar-
gebäude vollständig ab. Ein Jahr später kaufte ein gewisser
Hans Humpl das Anwesen und gab ihm seinen bis heute
geltenden Namen. Als die Schweden 1632 im Oberland ein-
fielen, stand das Haus erneut in Flammen, doch der Humpl
Hans baute es in wenigen Monaten wieder auf.
Seit fast 400 Jahren prägt das markante Gebäude den Ort.
Im Lauf der Zeit ging es von Hand zu Hand, wurde mehr-
fach umgebaut und erweitert. Zum ältesten Teil gehört eine
AVISO EINKEHR
DER HUMPLBRÄU VON WOLFRATSHAUSEN