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aviso 4 | 2017

GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN

COLLOQUIUM

bürgerlichen Kreisen war es lange Zeit so, dass man für eine Beschäfti-

gung mit Religion und Glauben ein bisschen belächelt und nicht ernst

genommen wurde. Man dachte, darüber seien wir ja schon lange weg.

VELTE

Ist die Bedeutung von Religion in den gesellschaftspolitischen

Debatten heute also für viele eine Überraschung?

BICKER

Ja, scheinbar. Dabei ist das eigentlich gar keine Überraschung,

wenn man ein bisschen offen für solche Themen ist.

Das ist wichtig, um zu verstehen, warum oft so »hilflos« mit Religion

umgegangen wird: Navid Kermani hat das einmal den »religiösen

Analphabetismus« genannt, der in unserer Gesellschaft sehr verbreitet

ist – in Bezug auf andere Religionen, aber auch in Bezug auf die eige-

ne. Deswegen reagieren viele jetzt so erstaunt auf Religionen wie den

Islam. Das ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Unwissen darüber,

wie man eigentlich mit so etwas wie Glauben umgeht.

Es war für mich spannend zu sehen, wann die Menschen – während ich

schon den Text für das Theaterprojekt schrieb – damit begannen, sich

mit Religion zu beschäftigen. Das Projekt ist anfangs fast in eine Art

»Aufmerksamkeitsloch« gefallen, obwohl es diese Brisanz hatte, auch

durch die Aufführungen an den verschiedenen religiösen Orten. Dann

haben wir das Stück letztes Jahr noch einmal inszeniert bei der Ruhr­

triiienale als Urban Prayers (RUHR) imRuhrgebiet und plötzlich ging

das Projekt durch die Decke und bekam eine enorme Aufmerksamkeit.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass diese Aufmerksamkeitswel-

len in der Regel erst ein bisschen »nachschwappen«.

VELTE

Die Schwerpunkte, die Sie in Ihren Projekten setzen, sind The-

men, die gesellschaftspolitisch aktuell sehr brisant sind, aber gleich-

zeitig meist schon eine lange Debattengeschichte haben – und tatsäch-

lich wie in Wellen – mal mehr und mal weniger diskutiert werden. Es

scheint da thematisch einige »Dauerbrenner« zu geben, auch wenn

sich die Diskussionen verändern. Religion gehört in jedem Fall dazu.

BICKER

Viele Leute, die sich künstlerisch mit gesellschaftlichen The-

men beschäftigen, machen die Beobachtung – und das meine ich jetzt

gar nicht im Sinne von: Oh, wie toll!, –, dass man seiner Zeit manch-

mal ein bisschen voraus ist. Man befasst sich mit gesellschaftlichen

Randphänomenen und versucht, diese ein bisschen mehr in den Fokus

der Aufmerksamkeit zu rücken. Das war auch der politische Impetus,

den ich in den letzten Jahren verfolgt habe, mit Themen wie Segrega-

tion, Leben in den Randbezirken einer Stadt, illegale Migration.

Die eigene Arbeit ist im positiven Sinne seismographisch, wenn es

gelingt, Entwicklungen zu beschreiben, die dann tatsächlich eintre-

ten – und gleichzeitig wird man davon total überrollt. Das heißt, man

beschäftigt sich lange mit einem Thema und versucht, es vomRand in

die Mitte zu bringen, Medien und Hochkultur dazu zu bewegen, sich

mit der Sache zu beschäftigen, und plötzlich ist das Thema im Main-

stream und alle reden darüber. Dann ist man selbst meist so erstaunt

über das Niveau und wie darüber gesprochen wird, dass man es kaum

aushält und rufen will: ›Nein, das ist doch viel komplizierter!‹

VELTE

Das bedeutet, sobald ein Thema den Mainstream erreicht, ist

die Differenziertheit der Diskussion nicht mehr so gegeben wie in der

künstlerischen Auseinandersetzung?

BICKER

Die Differenziertheit ist weg. Das sieht man auch beim The-

ma Religion ganz deutlich. Für die Menschen, die sich damit beschäf-

tigen, ist die öffentliche Diskussion über Religion ein Grauen. Man

kann nicht mehr Zeitung lesen oder fernsehen. Die Vereinfachungen

DAS LITERATURPORTAL BAYERN

Das Literaturportal Bayern feiert 2017 sein fünfjähriges

Bestehen. Als Plattform für das Literaturland Bayern bie-

tet es in neun Bereichen mit Autorinnen und Autoren,

Publikationen, Institutionen und Preisen Einblicke in die

bunte Beziehungsvielfalt der Kulturlandschaft und das

literarische Leben in den Städten und Regionen. Als

dynamisch vernetztes Wissenskompendium ist das Lite-

raturportal für Experten und Laien zugleich Fundus und

Forum – und lädt dazu ein, sich zu informieren, zu recher-

chieren, zu flanieren, und dabei dem »Blauen vom Him-

mel« zu begegnen.

Das Literaturportal Bayern ist ein Dauervorhaben der

Bayerischen Staatsbibliothek in Kooperation mit der

Monacensia im Hildebrandhaus, getragen und beglei-

tet vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und

Kultus, Wissenschaft und Kunst, mit der Unterstützung

der Landeshauptstadt München und der Bayerischen

Sparkassenstiftung.

www.literaturportal-bayern.de

sind schlimm, es wird wie mit demMähdrescher

über alles hinweggegangen. Ich spüre das kör-

perlich, sitze vor dem Fernseher und verkrampfe

mich, halte es kaum aus. Das ist schon ein irres

Erlebnis.

VELTE

Es scheint, als hätte die Diskussion den

faktischen Bezug zur Sache verloren. Religion ist

geschichtlich, kulturell und politisch ein großes

Thema, über das es viel zu wissen gibt. Doch die

Diskutanten haben – übertrieben gesagt – noch

nicht einmal die Bibel gelesen.

BICKER

Das ist ja oft so, dass man das »Eigene«

oft man wenigsten kennt.

VELTE

Das hat zur Folge, dass die Debatten eher

auf einer emotionalen Ebene geführt werden. Ist

es nicht überraschend, dass nicht erst nach Infor-

mation gesucht wird?

BICKER

Das überrascht mich eigentlich nicht so

sehr, denn ich glaube, dass es immer wieder die

gleiche Debatte ist, die geführt wird. Die Leute re-

den imGrunde nicht über Religion und auch nicht

über Glauben, sondern es geht um andere Dinge.

Schaut man sich beispielsweise die Debatten über

den Islam an, über den aus gutem Grund viel

gesprochen wird, dann sind das meistens keine

Gespräche über Religion oder über die Geschichte

© Franz Kimmel | Privat | picture alliance/Sueddeutsche Zeitung, Foto: Alessandra Schellnegger