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aviso 4 | 2017
GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN
COLLOQUIUM
einer Religion, über Glaubensinhalte oder über Spiritualität,
sondern es geht immer um Politik. Es geht umAusgrenzung.
Ich denke, dass es in vielen Diskussionen eigentlich um ver-
deckte Themen wie Rassismus geht. Und das macht es auch
so schwierig einzuhaken.
VELTE
Die Religion wird damit zur Projektionsfläche für das
Fremde, von dem man sich abgrenzt. Es muss nicht immer
Fremdenfeindlichkeit in einem starken Sinne sein, aber es
sind Formen von Berührungsangst und Unverständnis. Muss
man erstmal ein Gegenüber schaffen, damit man weiß, mit
was man es zu tun hat?
BICKER
Das Interessante ist, und das ist auch das, was man
durch Theater, Literatur und Kunst vielleicht besser oder
anders machen kann, die Tatsache, dass die meisten Men-
schen gar keine eigenen Erfahrungen mit dem »Anderen«
haben und damit auch nicht in Berührung kommen. Stellt
man in einem Gespräch über den Islam, in dem jeder Teil-
nehmende eine Meinung dazu hat, die einfache Frage, ›Sag
mal, kennst du denn Muslime? Hast du Erfahrungen mit
den Menschen oder dem Glauben gemacht?‹, dann heißt
es: ›Nein‹. Aber woher stammt dann das Wissen darüber?
Die Einsicht ist entscheidend, und das habe ich auch erst
sehr spät gelernt – nicht in der Schule und auch nicht an
der Universität –, dass zum Wissen auch Erfahrung gehört.
Und wenn man etwas wissen will, dann kann man zu den
Leuten hingehen, die es wissen, qua Erfahrung, qua Leben,
und danach fragen.
Es macht Sinn, den Leuten durch Kunst Lust darauf zu ma-
chen, genau das zu tun – zu fragen. Auch weil das in unserer
Gesellschaft anscheinend nicht üblich ist.
Es ist absurd, wenn beispielweise eine Schulklasse eine
Moschee besucht, um etwas über eine andere Religion zu ler-
nen, dass sich dann ein Teil der Eltern beschwert, weil sie es
nicht möchten, dass ihre Kinder in eine Moschee gehen. Es
gibt sofort die Angst, dass etwas passiert, dass die Kinder
mit etwas in Kontakt kommen, was man selbst nicht kennt,
und dann werden die Islamisierungsphobien an die Wand
gemalt. Aber was soll man denn sonst tun als dorthin zu
gehen und mit den Menschen zu sprechen?
Ich habe nicht so viel Einblick in andere Gesellschaften, aber
ich habe das Gefühl, hier bei uns in Deutschland fragen
die Menschen so wenig. Stattdessen wird geflüstert oder
gar nichts gesagt. Das findet permanent statt, im Alltag, in
Sportvereinen, in Schulen, …
VELTE
… überall, wo Menschen zusammenkommen?
BICKER
Ja, und das finde ich erstaunlich. Manchmal denke
ich, das hat damit zu tun, dass wir es nie gelernt haben zu
fragen.
VELTE
Wie schätzen Sie die Funktion der Kunst in dieser sozia-
len Praxis ein? Kann die Kunst dazu beitragen, die Menschen
zu verbinden oder zumindest näher zusammen zu bringen?
BICKER
Kunst kann im Prinzip erstmal beides: trennen
und verbinden. Kunst kann ein Mittel zur Segregation sein
und auf der anderen Seite kann sie Leute mit etwas in Be-
rührung bringen, was sie nicht kennen oder sonst
nicht erfahren würden. Das klingt jetzt wie ein
Allgemeinplatz, aber so ist es ja auch.
Jeder, der ein Buch liest, verschwindet erstmal hin-
ter dem Buchdeckel. Kunst hat per se auch etwas
Weltabgewandtes. Ich glaube aber gleichzeitig,
dass Kunst etwas Verbindendes hat: Die künst-
lerischen Medien, vor allem das Theater, können
Leute zusammenzubringen, Begegnungen insze-
nieren, dafür sorgen, dass Begegnungen stattfin-
den, die normalerweise nicht stattfinden – und
damit die Menschen beeinflussen.
Das gelingt oft nur mit hybriden künstlerischen
Formen. Literatur oder der Theatertext sind dann
nur einMittel, um bestimmte Ereignisse zu schaf-
fen. Man muss mit Kunstprojekten in erster Linie
Orte und Räume schaffen, wo sich Menschen be-
gegnen können.
Kunst wird immer dann stark, wenn sie als Kunst
gar nicht mehr erkennbar ist, wenn sie sich verän-
dert, sich auflöst.
Aber die Institutionen als Träger der Kunst sind
träge und zäh. Ich bin da nicht mehr so optimis-
tisch wie früher, weil ich durch die Erfahrung der
letzten Jahre bemerkt habe, dass die Selbsterhal-
tungskräfte der Mehrheitsgesellschaft und damit
auch ihrer kulturellen und künstlerischen Insti-
tutionen so starr sind, dass es sehr viel Energie
bedarf, um sie zu verändern, zu Offenheit und
Vielfalt. Ich glaube, das ist das große Thema für
Künstlerinnen und Künstler dieser Zeit.
Ich habe das Gefühl, das bei vielenMenschen noch
nicht angekommen ist, in was für einer veränder-
ten Welt wir leben. Kunst kann die Fragen dazu
stellen: Wie reagiert man auf die Gesellschaft?
Welche Rahmenbedingungen schafft man?