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aviso 4 | 2017
GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN
BAYERNS VERBORGENE SCHÄTZE
FRÜHNEUZEITLICHE ÄRZTEBRIEFE
EIN FORSCHUNGSPROJEKT DER BAYERISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
AN DER UNIVERSITÄT WÜRZBURG
BRIEFE ZÄHLEN IN
der historischen Forschung zur Frühen
Neuzeit zu den besonders aufschlussreichen Quellen. Für die
frühneuzeitliche Medizingeschichte gilt das ganz besonders.
Die Entdeckungen undWerke berühmter Ärzte wie Andreas
Vesal oder WilliamHarvey sind gut untersucht und weithin
bekannt. Neben solchen herausragenden Figuren gab es aber
auch Tausende von »gewöhnlichen« Ärzten und ihre Zahl
stieg im Laufe der Frühen Neuzeit stark an. Sie prägten zu-
nehmend den medizinischen Alltag, denn es waren nicht
mehr nur die Reichen, die die Hilfe gelehrter Ärzte suchten.
Die waren vielerorts zugleich wichtige Figuren in der städti-
schen Gesellschaft. Manche brachten es sogar zum Bürger-
meister. Über die medizinischen Vorstellungen dieser mehr
oder weniger „gewöhnlichen“ Ärzte, über ihren beruflichen
Text:
Michael Stolberg
und privaten Alltag, über ihren Platz in der städtischen
Gesellschaft, über die Herausforderungen, denen sie begeg-
neten und die Chancen, die sich ihnen eröffneten, wissen wir
bisher freilich nur wenig. Selbst unser Bild von der Praxis
und den Lebensverhältnissen der berühmten Koryphäen ist
erstaunlich bruchstückhaft. Welche Patienten vertrauten sich
bevorzugt einem „Doctor“ an, und mit welchen Krankheiten
und Beschwerden? Wie war das Verhältnis zwischen Ärzten
und Patienten? Wer hatte das Sagen? Was bedeutete es, eine
Stellung als bezahlter Stadtarzt oder Leibarzt anzunehmen?
Welche Abhängigkeiten waren damit verbunden? Und über
die Grenzen der Medizin hinausgehend: Wie dachten Ärzte –
als führende Vertreter des städtischen Bürgertums – über
die großen religiösen und politischen Fragen der Zeit? Wel-
chen anderen – beispielsweise musischen, poetischen oder
auch historischen und antiquarischen − Interessen gingen
sie nach. Wie gestaltete sich ihr ehelicher Alltag wie das Ver-
hältnis zu ihren Kindern?
ÜBER SOLCHE FRAGEN
geben gelehrte Traktate und Lehr-
bücher zwangsläufig kaumAufschluss – und die meisten Ärzte
haben ohnehin keine gelehrten Werke hinterlassen. Genau
solche Fragen waren es aber, über die man sich in Briefen
austauschte, in einer Intensität, die wir uns heute nur noch
schwer vorstellen können. Manche Ärzte und Gelehrte ver-
brachten ihren eigenen Schilderungen zufolge täglich meh-
rere Stunden allein mit dem Schreiben und Lesen von Brie-
fen. Die allermeisten Briefe aus jener Zeit sind sicher verloren
gegangen, weil niemand sie aufbewahrt und gesammelt hat.
Dennoch sind Zehntausende von Briefen überliefert, die
allein im 16. und 17. Jahrhundert von Ärzten geschrieben oder
an diese gerichtet wurden. Sie finden sich freilich, oft nur in
Einzelstücken, über zahlreiche Bibliotheken und Archive
des In- und Auslands verstreut und wurden deshalb in vie-
len Fällen von der Forschung bislang kaumwahrgenommen.
Hier setzt ein auf insgesamt 15 Jahre ausgelegtes Forschungs-
projekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an,
das 2009 am Institut für Geschichte der Medizin der Uni-
versität Würzburg die Arbeit aufgenommen hat. Ziel des Pro-
jekts ist es, die zahlreichen Briefe, die Ärzte des deutschspra-
chigen Raums zwischen 1500 und 1700 geschrieben oder
erhalten haben, möglichst vollständig in einer Datenbank
erfassen und sie damit – in vielen Fällen erstmals – für die
historische Forschung zu erschließen. Über 50000 Briefe,
nur von deutschsprachigen Ärzten oder an diese, haben die
Projektmitarbeiter imZuge ihrer systematischen Recherchen
bereits ausfindig machen können. Über 35000 von diesen
sind bereits in der Datenbank des Projekts verzeichnet. Zu
den meisten dieser Briefe wurden zudem ergänzende Recher-
chen angestellt, wurden die Namen der Schreiber und Emp-
oben
Bildnis des Botanikers Leonhart Fuchs (1501-1566) in einer
Kartusche: Leonhart Fuchs Doctor. Contrafayt im 42 iar seins alters.
1541. Tübingen, Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart.
© Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart Inv.Nr. 1933-622, wikipedia Source/Photographer | Universtätsbibliothek Basel