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Die Fragen stellte
Dr. Jörn Retterath
. Das Interview wurde erstmals im
Jahresbericht des Historischen Kollegs 2015/2016 veröffentlicht.
Dr. Jörn Retterath
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen
Kolleg.
RETTERATH
Was müsste sich Ihrer Ansicht nach ändern, damit mehr
junge Eltern eine wissenschaftliche Karriere anstreben?
SCHÖNHÄRL
An vielen Universitäten gibt es mittlerweile Verständ-
nis für die Probleme junger Väter und Mütter und gute Unterstüt-
zungsmaßnahmen. So existieren etwa Krippen für die Kleinen von
1 bis 3 – eine ganz großartige Sache, die mir in Essen wirklich sehr
geholfen hat. Ebenso ein »Feuerwehrtopf«, aus dem man Babysitter-
Kosten bei Abwesenheiten erstattet bekommt. An einigen Unis soll
es inzwischen auch Lehrfreisemester geben, die jungen Vätern und
Müttern den Wiedereinstieg nach der Elternzeit erleichtern. Mitunter
gibt es aber auchMaßnahmen, die zusätzlichen Druck aufbauen. Zum
Beispiel wurde vor einiger Zeit an der Universität Duisburg-Essen
ein Zeitfenstermodell eingeführt, das verhindern soll, dass sich die
Veranstaltungen überschneiden. Eine Folge ist, dass einige Kurse erst
um 20 Uhr enden. Die Uni hat darauf reagiert und die Öffnungszeiten
der Kinderbetreuung entsprechend ausgeweitet. Das ist leider völlig
weltfremd. Wenn meine Kinder gewohnt sind, um 19 Uhr ins Bett zu
gehen, dann kann ich sie nicht bis um 20 Uhr in der Kinderbetreuung
lassen, da ansonsten der nächste Tag mit völlig übermüdeten Kindern
imChaos versinkt. Die Maßnahme ist ein Beispiel dafür, dass manches
nicht auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten ist.
Einrichtungen wie das Historische Kolleg könnten ihre Familien-
freundlichkeit durchaus noch optimieren, indem sie zum Beispiel für
ihre Fellows eigene Kita-Plätze bereithalten. Von Kolleginnen habe ich
durchaus schon gehört: »Dieses Jahr in München ist eine tolle Sache,
aber das bekomme ich mit meiner Familie nicht auf die Reihe.« Das
ist sehr schade, gerade weil das Historische Kolleg eine Institution ist,
die Freiräume schafft, also etwas bietet, was junge Wissenschaftler –
insbesondere auch mit Familie – zum konzentrierten Arbeiten benötigen.
GEFÖRDERTES FORSCHUNGSVORHABEN
»Finanziers in Sehnsuchtsräumen.
Europäische Banken und Griechenland im
19. Jahrhundert«
Warum investieren Bankiers in risikoreiche Märkte?
Neben Gewinnaussichten können auch ganz andere
Motive eine entscheidende Rolle spielen. Als Fallbei-
spiele analysiert das Forschungsvorhaben die Investi-
tionen europäischer Bankiers in Griechenland im Zeit-
raum vom Beginn des Unabhängigkeitskampfes 1821
bis zum Ausbruch der Balkankriege 1912. Welche Be-
deutung hatte der europäische Philhellenismus? Wie
nahm die Politik Einfluss? Welche Rolle spielten Bro-
ker und Mittelsmänner sowie persönliche Netzwerke?
Welche Vorstellungen von Griechenland wurden trans-
portiert? Methodische Ansätze aus den Behavioral Fi-
nance Studies ermöglichen eine Verknüpfung von Kultur-,
Finanz- und Politikgeschichte. Erscheint Oktober 2017 bei
Vandenhoek & Ruprecht.
HISTORISCHES KOLLEG
Das 1980 gegründete Historische Kolleg ist ein Insti-
tute for Advanced Study der historisch orientierten Wis-
senschaften. Es gewährt Forscherinnen und Forschern
den Freiraum, konzentriert ein Buchprojekt abzuschlie-
ßen. Dieser Gründungsidee des Kollegs verdanken zahl-
reiche, auch über das Fach hinaus wirkende Werke ihre
Entstehung.
Die Jahresstipendien des Historischen Kollegs richten
sich an etablierte Gelehrte (Senior Fellowships) und an
exzellente Postdocs (Junior Fellowships). Für kürzere Auf-
enthalte werden Honorary Fellowships vergeben. Seit
dem Jahr 2000 wird es als Public-private-Partnership
betrieben. Der Freistaat Bayern trägt die Grundfinan-
zierung. Die Mittel für die Stipendien kamen bislang un-
ter anderem von der Fritz Thyssen Stiftung, der Gerda
Henkel Stiftung, der C.H.Beck Stiftung, der Deutschen
Bank, dem Freistaat Bayern, dem Stifterverband für die
Deutsche Wissenschaft, dem Historischen Seminar der
LMU sowie privaten Spendern. Die Auswahl der Fellows
nimmt das aus renommierten Fachwissenschaftlern be-
setzte Kuratorium des Historischen Kollegs vor.
Durch die Vorträge und Tagungen der Fellows sowie
durch hochkarätige Kooperations- und Gastveranstal-
tungen ist das Kolleg ein internationales Zentrum des
geschichtswissenschaftlichen Diskurses. Der seit 1983
alle drei Jahre verliehene Preis des Historischen Kollegs
gilt als Deutscher Historikerpreis.
Das Historische Kolleg ist Teil der »Stiftung zur Förde-
rung der Historischen Kommission bei der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften und des Historischen Kol-
legs« und Mitglied im Kompetenzverbund Historische
Wissenschaften München.
© privat | Jörn Retterath/Historisches Kolleg
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Junior Fellow Dr. Korinna Schönhärl präsentierte am 20. März 2017 ihre
Forschungsergebnisse im Historischen Kolleg einer interessierten Öffentlichkeit. Eine
Videoaufzeichnung des Vortrags kann im Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-
Stiftung L.I.S.A. aufgerufen werden.