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aviso 4 | 2017

GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN

RESULTATE

RETTERATH

Warum beschäftigen Sie sich mit

Geschichte? Was fasziniert Sie daran?

SCHÖNHÄRL

Das Faszinierende an Geschichte

ist, dass man einWerkzeug in die Hand bekommt,

um Gegenwart zu erklären. Narrative, die bis in

die Vergangenheit zurückreichen, spielen hierbei

eine große Rolle. Geschichtswissenschaft ist schon

als eine Art »Psychotherapie der Gesellschaft«

bezeichnet worden. Da ist viel dran. Eine Aufgabe

des Historikers ist es, Narrative zu entwickeln,

mit denen die Gesellschaft sich ihrer selbst

vergewissern, sich selbst hinterfragen und ihre

Richtung kontrollieren, aber auch gut weiterleben

kann. Das Erklären von Zusammenhängen und

das Eintauchen in ganz fremde, unbekannte

Welten finde ich sehr spannend. Hinzu kommt

die Entdeckerfreude, die manchmal etwas von der

Arbeit eines Detektivs hat. Das ist es, was mich

fasziniert.

RETTERATH

Die Karrierewege in der Wissenschaft

sind häufig steinig und verschlungen. Warum

haben Sie sich dennoch gegen die Schule und für

die Universität entschieden?

SCHÖNHÄRL

Forschung und Lehre machen mir

Spaß. Die Universität bietet die Möglichkeit, beides

miteinander zu verbinden. An der Schule – ich

habe Geschichte und Germanistik auf Lehramt

studiert und das Referendariat gemacht – wer-

den viele Themen leider meist eher oberflächlich

behandelt, und es muss immer wieder das Glei-

che gelehrt werden. Wenn man als Lehrer nur ein

paar Monate hat, um die gesamte Antike vom al-

ten Ägypten bis zum Beginn des Frühmittelal-

ters abzuhandeln, ist der Zeitdruck groß und die

Möglichkeit, einzelne Aspekte zu vertiefen, gering.

Natürlich kann auch der Überblick Spaß machen

und bereichernd sein. In den Fokus muss man

dann wirklich die Arbeit mit den Schülerinnen

und Schülern stellen, nicht die Inhalte.

Dagegen empfinde ich die Möglichkeit an der Uni,

eigene Forschungsinteressen mit der Lehre zu

verbinden, als eine große Bereicherung, zumal ich

sehr gerne lehre. Die Tiefe, in der man die Sachen

behandeln kann, ist einfach eine ganz andere.

Zudem ist es schön, die eigenen Interessen so stark

und autonom verfolgen zu können.

RETTERATH

Trotz jahrelanger Diskussionen,

Appelle undAnstrengungen ist in der akademischen

Geschichtswissenschaft noch immer kein Ge­

schlechterproporz erreicht. Woran liegt das Ihrer

Ansicht nach?

SCHÖNHÄRL

Ich kenne viele Kolleginnen, die sich

entschieden haben, aus der Wissenschaft auszustei-

gen, vor allem dann, wenn sie Kinder haben. Lei-

der gibt es immer noch strukturelle Probleme, die

die Vereinbarkeit von Familie und akademischer

Karriere erschweren. Ein Aspekt ist die hohe zeit-

liche und räumliche Flexibilität, die von jungen Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftlern gefordert wird. Wir sind im vergangenen Som-

mer mit der ganzen Familie für ein Jahr von Essen nach München ge-

zogen und imHerbst, wenn das Stipendium beendet ist, geht es weiter

nach Frankfurt. Der organisatorische Aufwand mit Wohnungssuche,

Bewerbung umKindergartenplätze und so weiter ist immens, und man

fragt sich immer wieder, ob man das den Kindern und dem Partner

zumuten kann. Hinzu kommt als weiterer Aspekt die ökonomische

Unsicherheit einer wissenschaftlichen Laufbahn. Diese lässt sich mit

Familie nicht unbedingt leichter aushalten. Und man muss sich klar

darüber sein: Der Weg in die Wissenschaft mit Familie geht mit Ein-

schränkungen einher. Man muss sich damit abfinden, dass man für

einige Jahre nichts macht außer der Arbeit und den Kindern. Das ist

beides sehr beglückend und bereichernd, aber Zeit für den Partner,

Freunde, ausreichenden Schlaf oder gar Hobbys gibt es daneben kaum.

In der »Rush Hour« einer akademischen Karriere Teilzeit zu arbeiten,

ist nicht möglich. Auf die Dauer ist das sehr anstrengend, weil wenig

Raum für Regeneration bleibt.

RETTERATH

Wie stark ist in der akademischen Welt das Verständnis

für solche Probleme ausgeprägt?

SCHÖNHÄRL

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man immer

wieder auf Kolleginnen und Kollegen trifft, die einen unterstützen

und bemüht sind, einem mit viel Verständnis weiterzuhelfen. Ganz

viel hängt imMoment noch davon ab, wie die Familie Abwesenheiten

auffangen kann – und solche werden bei Mamas immer noch sehr viel

kritischer beäugt als bei Papas. Welcher Papa wird schon auf Konferenzen

gefragt: »Und, wer kümmert sich jetzt um deine Kinder?« Die Idee,

jungenWissenschaftlerinnen undWissenschaftlern mit Familie weniger

räumliche Flexibilität abzuverlangen, ist sicherlich gut, lässt sich aber nur

sehr schwer umsetzen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft versucht

das, indem sie sagt: Bei Eltern wird die Auslandserfahrung nicht ganz so

stark gewichtet. Aber ich bin skeptisch, ob das in der Praxis tatsächlich

so gehandhabt wird. Mancherorts muss sich die Mentalität schon noch

wandeln. Ich bin vor Kurzem in die engere Auswahl für eine Stelle am

anderen Ende der Republik gekommen – unter der Bedingung, dass ich

in vier Wochen anfange. »Wenn Sie dann nicht da sind, können wir Sie

leider nicht nehmen«, wurde mir gesagt. Das ist aus meiner Sicht ein

Unding. So flexibel kann man einfach nicht sein, wenn man Kinder hat.

Zuweilen trifft man auch auf Kolleginnen und Kollegen, die sich selbst

ganz bewusst gegen die Gründung einer Familie entschieden oder den

Zeitpunkt dafür verpasst haben. Ihnen gegenüber ist es manchmal sehr

schwierig zu vermitteln, dass man selbst gerne Familie und Karriere

verbinden möchte. Manche betonen schon, dass es für Eltern keine

Ausnahmeregelungen gibt – bevor man selbst überhaupt darüber

nachgedacht hat, um solche zu bitten. Zum Glück ist das eher die

Ausnahme.

Dr. Korinna Schönhärl

, geboren 1977, studierte Ge-

schichte und Germanistik an den Universitäten Regens-

burg und Thessaloniki; Referendariat für

das Lehramt an Gymnasien; 2008 Promotion an der

Goethe-Universität Frankfurt am Main über die

Ökonomen im Stefan George-Kreis; seit 2009 wissen-

schaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozial-

und Wirtschaftsgeschichte der Universität Duisburg-

Essen; Forschungsaufenthalte in London, Paris

und Athen. Das Stipendium am Historischen Kolleg

wird vom Historischen Seminar der LMU und

dem Freundeskreis des Historischen Kollegs finanziert.