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aviso 4 | 2017

GLAUBEN UND GLAUBEN LASSEN

RESULTATE

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lige mit der heutigen Situation zu vergleichen. Allerdings bin ich skep-

tisch, welchen Mehrwert ein solcher Vergleich über die Jahrhunderte

hinweg bringt. Wenn er dazu dient, sich bestimmte Strukturen klar

zu machen und Unterschiede herauszuarbeiten, dann mag er durch-

aus sinnvoll sein. Von den Medien sowohl in Griechenland als auch in

Deutschland werden entsprechende Vergleiche hingegen vor allem an-

gestellt, um angebliche Kontinuitäten aufzuzeigen und aktuelle poli-

tische Entscheidungen zu legitimieren. Die Geschichte wird also unzu-

lässigerweise instrumentalisiert. Dann heißt es auf deutscher Seite zum

Beispiel: »Schaut euch die Griechen an, die waren doch schon immer

pleite. Wieso muss man da jetzt eigentlich noch Geld hineinschießen?«

Und auf griechischer Seite wird gesagt: »Schaut euch die Europäer an,

die seit unserer Staatsgründung versuchen, unsere Politik zu beeinflus-

sen und unser Land auszusaugen.« Da prallen Stereotype aufeinander

und erschweren das Gespräch und die politische Lösungsfindung. Ich

denke, gerade dann ist es die Aufgabe des Historikers, auf die Unter-

schiede zwischen den Jahrhunderten hinzuweisen und diese zu erklä-

ren. Meines Erachtens ist es nötig, den Blick zu schärfen, zu differen-

zieren und einer politischen Instrumentalisierung entgegenzutreten.

RETTERATH

Sehen Sie also keine Parallelen?

SCHÖNHÄRL

Doch. Ich würde zum Beispiel eine Parallele darin

sehen, dass es damals wie heute Banken gibt, die kein ausreichendes

Risikomanagement betrieben haben. Im Ergebnis zeigt sich: Projekte,

bei denen man sich vorher genau informiert, die Risiken abschätzt und

diese verantwortungsvoll managt, haben eine höhere Chance, erfolgreich

zu verlaufen, als solche, bei denen man sich ohne differenziertes

Risikomanagement auf oberflächliche Informationen verlässt. Wenn

man über Verantwortlichkeiten auf Finanzmärkten nachdenkt, dann

sollte man meines Erachtens diesen Aspekt genau betrachten und die

Banken an ihre Verantwortung erinnern.

Eine weitere Parallele sehe ich in den medial ver­

breiteten Stereotypen. Wenn man die europäische

Finanzberichterstattung der 1880er- und 1890er-

Jahre über Griechenland liest, dann stößt man auf

Bilder undWahrnehmungsmuster, die stellenweise

deckungsgleich mit solchen aus der heutigen Be-

richterstattung über Griechenland und seine Fi-

nanzmisere sind. Es hat mich überrascht, welche

Kontinuität diese stereotypen Beschreibungen

aufweisen. Dabei werden klassische Vorurteile

aktiviert. Interessant an Griechenland ist, dass

diese Stereotype immer sehr stark mit der Anti-

ke verbunden sind. Man kann als Westeuropäer

offensichtlich kaum griechische Finanzen kom­

mentieren, ohne auf die Antike zu rekurrieren.

Entweder wird im Sinne einer Verfallsgeschichte

argumentiert: »Schaut euch an, wo die jetzt sind,

nach so einer glänzenden Vergangenheit.« oder –

das findet man im 19. Jahrhundert natürlich

auch – es heißt: »Dass das Land ein großes wirt­

schaftliches Potenzial hat, das beweist der Blick

auf seine Geschichte.« In beiden Fällen wird extrem

simplifiziert und man fragt sich, was der Rück-

griff auf die Antike denn zur Sache tut. Niemand

käme auf die Idee, die aktuellenWirtschaftschan-

cen Deutschlands zu eruieren, indem man bis

zum Freiherrn vom Stein oder gar bis zu den

Germanen zurückgeht. In Bezug auf Griechenland

ist eine solche Argumentation aber durchaus

gängig.

oben links

Das Historische Kolleg hat seit 1988 seinen Sitz im früheren Haus des Malers Friedrich August von Kaulbach (1850–1920), das

zwischen Bayerischer Staatsbibliothek und Englischem Garten liegt.

oben rechts

Die Kaulbach-Villa dient heute als Ort, an dem herausragende Gelehrte aus den historisch orientierten Wissenschaften mittels

Stipendium ein wissenschaftliches Werk zu Ende schreiben können. Vorträge und Tagungen machen das Historische Kolleg zu einem Ort des

lebendigen Austauschs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

© Christoph Schwarz, Würzburg