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Insektensterben geht uns alle an!
Insekten haben keine Lobby. Das iInsektensterbenl hat
weltweit – und auch inDeutschland – ähnlich dramati-
sche Auswirkungen auf die Menschheit wie der Klima-
wandel. Leider verbinden vieleMenschenmit Insekten
eher den Begriff Schädling als Nützling. Insekten erfül-
len aber viele für den Menschen wichtige Funktionen
in Ökosystemen: Sie bestäuben, sie bekämpfen Schäd-
linge, sie bauen Aas und Dung ab, sie bauen Totholz ab.
Sie sind eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel oder
Amphibien.Weniger Insekten bedeuten weniger Vögel.
Wir haben schon jetzt so viele Singvögel in Deuschland
verloren. Wir brauchen Insekten – hier, lokal und flä-
chendeckend!
Es ist dringend notwendig, dass wir jetzt umsteuern.
Ausgestorbene Arten sind unwiederbringlich verloren.
Arten, deren Populationen eingebrochen sind, können
sich im Laufe der Zeit wieder erholen – allerdings nur,
wenn wir ihnen hierfür die passende Umgebung schaf-
fen. Insekten brauchen Lebensräume, in denen sie Nah-
rung und Nistraum finden. Politik, Landwirtschaft und
jeder Einzelnemüssen iden Zehnten der Natur lassenl!
Auf landwirtschaftlichen Flächen muss der Struktur-
reichtum gefördert, der Einsatz von Pestiziden und
die Häufigkeit der Mahd eingeschränkt werden. Die
Landwirte können aber nicht alleine gelassen werden.
Das Problem ist ein gesamtgesellschaftliches!Wir brau-
chen mehr Umweltbildung: Man vermisst Vogelstim-
men mehr, wenn man sie unterscheiden kann. Jede(r)
Einzelne sollte sich für Konsumverzicht an wenigstens
einer konkreten Stelle entscheiden. Auch dieGestaltung
des Balkons oder Gartens trägt dazu bei, dem Insekten-
sterben Einhalt zu gebieten:Wegmit demMähroboter,
den Laubbläsern, lassen wir heimische Pflanzen ohne
gefüllte Blüten zu, ein bisschen Wildnis im Kleinen.
Wir Wissenschaftler*innen müssen lauter, politischer
werden! Viel Zeit bleibt uns hierfür nicht mehr – und
technische Lösungen gibt es für diese komplexen Prob-
leme nicht. Wir müssen lokal und flächendeckend han-
deln, um in Deutschland funktionierende Ökosysteme
zu erhalten bzw. wieder zu schaffen. Wir brauchen die
lebendige Welt!
Neue Technologien für die Landnutzung!
Die große Vielfalt der Böden in Bayern wird durch die
Vereinheitlichung der Landnutzung undWaldwirtschaft
zunehmend homogenisiert, damit gehen Habitate und
Artenvielfalt verloren. Nährstoffarme Standortewerden
fast nicht mehr zugelassen, auch die hohen Stickstoff-
immissionen reduzieren Arten, die auf weniger pro-
duktive Standorte angewiesen sind. Hochproduktive
Standorte sind notwendig: Landwirtschaft sichert Er-
nährung. Gleichwohl müssenwir zu einer Landnutzung
kommen, die es schafft, unterschiedliche Lebensräu-
me zur Verfügung zu stellen, d. h. kleinräumig verteilt
müssen Gebiete eingestreut werden, die mehr Vielfalt
zulassen; die Vernetzung ist dabei sehr wichtig, Korri-
doremüssen geschaffenwerden. Aus meiner Sicht wäre
das sogar wichtiger als ein neuer Nationalpark. Ich bin
zuversichtlich, dass die Entwicklung neuer Technolo-
gien Lösungen birgt: Kleinroboter und Drohnen, die
bödenspezifischer arbeiten können. Wir müssen weg
von den einheitlichen Feldern und den großen Maschi-
nen, die die Böden verdichten. Wir brauchen leichte-
re, standortangepasste Maschinen, die spezifischer auf
Standorteigenschaften reagieren, kleinräumiger säen,
ernten, düngen. Wir können das Rad der Geschichte
nicht zurückdrehen, aber Digitalisierung und Robo-
tik bergen viele neue Möglichkeiten. Wir haben auch
wenig andere Optionen. Das Volksbegehren in Bayern
hat gezeigt: Immer mehr Menschen wird bewusst, wie
sehr wir Natur als Umgebung brauchen, als Basis für
unser Wohlbefinden. Untersuchungen haben gezeigt:
Wennman ins Grüne schaut, wirdman schneller gesund.
Langfristig ist es eine Win-Win-Situation auch für den
Menschen, wenn wieder eine heterogenere Naturland-
schaft entsteht. Der Drang in die Natur nimmt wieder
zu–besondereHoffnung gibt mir die jungeGeneration,
die die Natur wieder neu entdeckt.
Öffentliche Flächen anders pflegen!
Schmetterlinge, Hummeln und andere Insektenwerden
immer rarer. Mit ihnen schwindet unsere Vogelwelt da-
hin. Seit Jahrzehnten. Der iStumme Frühlingl ist weit-
hinRealität, verursacht von der industrialisierten Land-
Bald ist der stumme Frühling da
Wie weit ist das Artensterben bereits vorange-
schritten und was kann man dagegen tun?
Statements von Heike Feldhaar, Ingrid Kögel-
Knabner, Josef H. Reichholf, Michael Schrödl,
Andreas Segerer und Susanne Renner
HF
IKK
JR