

42
Aviso Einkehr
Eine Traditionsgaststätte vor
dem Panorama der Benediktenwand
i1766 hat Lorenz Steingruber die Schankgerechtigkeit auf die-
ser Hofstatt erlangt, sodass er nun Wirt zu Wackersberg ist,
wo vorher keiner warl. Seitdem gibt es an der Dorfstraße in
Wackersberg ein Gasthaus, den Altwirt.
In dem Dorf im Süden von Bad Tölz hält man etwas auf Tradi-
tion. Wackersberg ist eine der Hochburgen der Gebirgsschüt-
zen, die hier unabhängig weiter bestanden, als 1869 die anderen
Kompanien in die Bayerische Armee überführt wurden. Die
Wackersberger legenWert darauf, dass ihre Gebirgsschützen als
iAntlaßschützenl bezeichnet werden; denn sie sind christlich
geprägt. In gefährlichen Zeiten– seit demDreißigjährigenKrieg
– unterstützte die Bürgerwehr die Geistlichkeit. Sie schützte
die Priester bei der Ausübung ihrer religiösen Pflichten, zum
Beispiel auf demWeg zur letzten Ölung in ein abgelegenes Ge-
höft. Ihren großen Aufzug hat die Kompanie bis heute amFron-
leichnamstag, denman hier immer noch den iAntlaßtagl nennt.
Die Aufstellung zur Fronleichnamsprozession erfolgt vorm
Gasthaus Altwirt. Der feierliche Umgang zieht über die Flu-
ren der Hochfläche zwischen Isar und Blomberg. AmHorizont
das Panorama der Isarwinkler Berge, beherrscht vom langge-
zogenen Rücken der Benediktenwand. Es hat sich längst her-
umgesprochen, dass es in Wackersberg eine der prächtigsten
Prozessionen im Isarwinkel gibt. Der Pfarrer mit derMonstranz
des Allerheiligsten unter dem Traghimmel wird dabei beglei-
tet von der Blaskapelle, von den Ministranten, Kommunion-
kindern, den Frauen in Schalk und Mieder, den Männern in
Gebirgstracht und den Schützen. Bei gutem Wetter sind vie-
le Zuschauer vor Ort. Doch die Wackersberger wollen keine
Touristenattraktion sein. Sie führen ihren Umgang aus herge-
brachter religiöser Überzeugung durch; und das sogar an zwei
Tagen: am Fronleichnamstag, der immer auf einen Donnerstag
fällt – das ist der igroße Antlaßl-, und am darauf folgenden
Sonntag. Zum Schluss der Prozession stellt sich die Schützen-
kompanie wieder vor demAltwirt auf und feuert Gewehrsalven
ab zumSalut. Das ist das Ende des offiziellen Teils, nahtlos geht
es über zumgemütlichen Beisammensein imWirtshaus und im
schattigen Biergarten.
Wer die »Antlaßschützen« an Fronleichnamverpasst, der hat im
Herbst bei der Erntedank-Prozession noch einmal Gelegenheit.
Der denkmalgeschützte Altwirt ist zweistöckig. Das niedrige
Erdgeschoss wird mit Fenstern, die imZuge der Restaurierung
ebenfalls mit Läden versehen wurden, erhellt, darüber befindet
sich der erste Stock mit Fenstern ohne Läden mit Zierumrah-
mungen. Das Dachgeschoss hat einen kleinen Balkon. Der Gie-
bel des Satteldachs wird von einemKreuz bekrönt. Im Jahr 1909
erfolgten ein Umbau und der Anbau des historischen Saales,
wobei die alte Bausubstanz erhalten blieb.
Man fühlt sich sofort wohl in den behaglichen Gasträumen.
Dunkle Holzvertäfelungen bilden die Rückwände, grüne Ka-
chelöfen und umlaufende Bänke finden sich in allen Stuben. Alte
Stiche, Fotos und Musikinstrumente an den Wänden erinnern
an die igute alte Zeitl. Küche und Gasträume befinden sich
im Erdgeschoss. An eine kleinere Wirtsstube mit Stammtisch
schließt ein größerer Gastrauman, der sich zumSaal öffnet. Hier
geht die dunkle Holzverkleidung über in die schwere Holzde-
cke. Der Anbau des historischen Saales ist auf der Südseite des
Anwesens rechtwinklig angefügt. Er ist einstöckig und an der
Außenseite mit Fachwerk verziert.
Aviso Einkehr
–– Der Altwirt in
Wackersberg
Aviso Einkehr Die schönsten denkmal-
geschützten Gasthöfe in Bayern sind
noch nicht so bekannt wie viele unserer
Schlösser, Burgen und Kirchen. Das
muss sich ändern! In Aviso Einkehr stellen
wir Ihnen deshalb die schönsten kulina-
rischen Musentempel vor.
Text: Bettina
Hausler-Thomas